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Eigentlich wollte ich heute einen Artikel schreiben über Brainfog und Funktionieren. Darüber, weshalb wir gerade an den Tagen weitermachen, an denen unser Körper uns eigentlich etwas anderes sagt: langsamer werden, zur Ruhe kommen, genauer hinhören.

Beim Schreiben musste ich an meinen letzten Artikel anknüpfen. Dort habe ich Brainfog nicht als Trendwort beschrieben, sondern als Hinweis. Als ein Zeichen dafür, dass wir wieder lernen sollten, feiner wahrzunehmen, was in unserem System geschieht.

Denn Brainfog ist selten nur ein Problem des Kopfes. Dieses diffuse Gefühl, nicht richtig klar zu sein, entsteht nicht losgelöst vom restlichen Menschen. Es hat mit Schlaf zu tun, mit Stress, mit Ernährung, mit innerer Belastung, mit Versorgung, mit unserem Nervensystem und manchmal auch mit Lebensphasen, in denen wir zu lange über unsere Grenzen gegangen sind.

Die eigentliche Frage, die mich heute beschäftigt, lautet deshalb nicht nur: Was hilft gegen Brainfog?

Sondern: Kann man mit Brainfog funktionieren?

Wahrscheinlich ja. Viele Menschen tun es täglich. Sie stehen auf, versorgen ihre Familie, fahren zur Arbeit, sitzen in Meetings, beantworten Nachrichten, treffen Entscheidungen und wirken von außen betrachtet vollkommen belastbar. Innerlich erleben sie jedoch etwas anderes. Die Gedanken sind langsamer, die Konzentration kostet mehr Kraft, der Zugriff auf Klarheit ist erschwert. Man ist anwesend, aber nicht wirklich präsent.

Genau darin liegt für mich die stille Gefahr. Nicht allein im Brainfog selbst, sondern in unserer Fähigkeit, ihn zu übergehen.

Wir leben in einer Kultur, die Durchhalten häufig mit Stärke verwechselt. Wer trotz Erschöpfung arbeitet, gilt als diszipliniert. Wer krank noch erreichbar ist, als zuverlässig. Wer die eigenen Grenzen nicht zeigt, als professionell. Dabei übersehen wir, dass ein Mensch nicht gesünder wird, nur weil er seine Symptome besser kontrolliert.

Funktionieren ist keine Form von Heilung.

Heilung beginnt nicht dort, wo wir wieder mehr leisten. Sie beginnt dort, wo wir aufhören, die Signale unseres Körpers als Störung zu behandeln. Der Körper ist kein Gegner, der uns ausbremst. Er ist ein Gesprächspartner. Manchmal spricht er leise, manchmal deutlich, und manchmal so klar, dass wir nicht länger ausweichen können.

Meine eigene Poliogeschichte hat mich dafür sensibel gemacht. Wenn man erlebt hat, dass der eigene Körper nicht selbstverständlich verfügbar ist, verändert sich der Blick. Man beginnt, Zusammenhänge zu sehen: zwischen Belastung und Klarheit, zwischen Versorgung und Konzentration, zwischen innerem Druck und körperlicher Reaktion.

Deshalb interessiert mich Brainfog nicht nur psychologisch. Mich interessiert der ganze Mensch dahinter. Wie lebt jemand? Wie schläft er? Wie viel Spannung trägt das Nervensystem? Wie gut wird der Körper versorgt? Welche Gedanken, Glaubenssätze und Erwartungen halten einen Menschen in einem Zustand permanenter Aktivierung?

In diesem Zusammenhang beschäftigt mich auch die aktuelle Diskussion um Krankschreibungen. Wenn politisch darüber gesprochen wird, telefonische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen wieder stärker einzuschränken und Menschen bereits sehr früh in die Praxis zu schicken, stellt sich für mich nicht nur eine organisatorische Frage. Es geht auch um das Menschenbild dahinter.

Denn die unausgesprochene Botschaft lautet schnell: Beweise erst einmal, dass du wirklich krank bist.

Für Arztpraxen bedeutet das zusätzliche Belastung. Schon jetzt arbeiten viele Praxen an der Grenze. Wenn Menschen mit leichten Infekten, Erschöpfung oder unklaren Symptomen wieder häufiger persönlich erscheinen müssen, entsteht nicht automatisch mehr Gesundheit. Es entstehen mehr Wege, mehr Wartezimmer, mehr Bürokratie und möglicherweise auch mehr Ansteckungsrisiken.

Die telefonische AU wurde nicht eingeführt, weil Krankheit plötzlich weniger ernst genommen werden sollte. Sie sollte unter anderem Praxen entlasten, unnötige Kontakte reduzieren und Patientinnen und Patienten mit leichten Beschwerden einen niedrigschwelligen Zugang ermöglichen. Nach Angaben medizinischer Verbände und Krankenkassen gibt es bisher keine belastbaren Hinweise darauf, dass telefonische Krankschreibungen allein für hohe Krankenstände verantwortlich sind. Auch der Anteil telefonischer AUs an allen Krankschreibungen wurde in Berichten als vergleichsweise gering beschrieben.

Trotzdem führen wir die Debatte oft so, als wäre Misstrauen ein geeignetes Mittel zur Gesundheitsförderung.

Aus psychologischer Sicht halte ich das für problematisch. Denn viele Menschen sind ohnehin darauf trainiert, ihre Grenzen zu übergehen. Sie fragen nicht: Was brauche ich heute? Sie fragen: Wie schaffe ich es trotzdem?

Genau hier entsteht Präsentismus. Menschen erscheinen zur Arbeit, obwohl sie krank sind. Studien aus der Arbeits- und Gesundheitspsychologie zeigen seit Jahren, dass Präsentismus nicht nur die Genesung verzögern kann, sondern langfristig auch wirtschaftlich problematisch ist. Wer zu früh weitermacht, fällt später nicht selten länger aus. Kurzfristiges Durchhalten kann langfristig teuer werden – körperlich, psychisch und gesellschaftlich.

Vielleicht müssten wir deshalb weniger darüber sprechen, wie wir Menschen schneller zurück in ihre Funktion bringen. Vielleicht sollten wir genauer fragen, warum so viele überhaupt an diesen Punkt kommen.

Brainfog kann in diesem Zusammenhang eine neue Bedeutung bekommen. Nicht als Diagnose. Nicht als Modewort. Sondern als Symbol für eine Gesellschaft, die geistige Klarheit erwartet, während sie körperliche und seelische Erschöpfung häufig ignoriert.

Wir optimieren Kalender, Routinen, Ernährung, Mindset und Produktivität. Gleichzeitig verlernen wir, auf die leisen Signale zu achten. Wir nennen es Konzentrationsproblem, obwohl es manchmal Erschöpfung ist. Wir nennen es fehlende Disziplin, obwohl es manchmal fehlende Regeneration ist. Wir nennen es mangelnde Belastbarkeit, obwohl der Mensch vielleicht längst überlastet ist.

Funktionieren kann notwendig sein. Das Leben wartet nicht immer, bis wir vollkommen ausgeruht sind. Es gibt Verantwortung, Familie, Patienten, Kunden, Termine und Verpflichtungen. Aber wenn Funktionieren zum Dauerzustand wird, verliert der Mensch irgendwann den Kontakt zu sich selbst.

Dann wird der Körper nur noch verwaltet. Die Psyche wird reguliert. Die Leistung wird aufrechterhalten.

Doch Heilung braucht mehr als Kontrolle. Sie braucht Wahrnehmung. Sie braucht Ehrlichkeit. Sie braucht die Bereitschaft, nicht nur Symptome zu übergehen, sondern ihre Bedeutung zu verstehen.

Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Brainfog uns etwas lehren kann. Nicht schneller wieder klar werden zu müssen, sondern tiefer zu fragen, warum die Klarheit verloren gegangen ist.

Was braucht mein System wirklich?

Mehr Schlaf? Weniger Reizüberflutung? Bessere Ernährung? Mehr Ruhe? Weniger inneren Druck? Eine andere Beziehung zu Leistung? Mehr Mut, auch einmal nicht verfügbar zu sein?

Für mich beginnt die Antwort nicht mit Druck, sondern sie beginnt mit Bewusstsein.

Und vielleicht beginnt gesellschaftliche Gesundheit dort, wo wir aufhören, krankes Funktionieren als Normalität zu betrachten.

Ich frage mich gerade, ob Brainfog inzwischen mehr ist als ein individuelles Erleben. Vielleicht beschreibt er auch einen kollektiven Zustand. Einen Nebel über einer Gesellschaft, die sehr viel organisiert, misst und kontrolliert, aber immer weniger spürt.

Vielleicht ist die entscheidende Frage deshalb nicht nur, ob man mit Brainfog funktionieren kann.

Die wichtigere Frage lautet:

Dient dieses Funktionieren wirklich der Heilung?

Oder hält es uns nur länger in einem Zustand, aus dem der Körper längst heraus möchte?